JOEL DICKER – Das Geheimnis von Zimmer 622 – Rezension

Die Geschichte

Die Rahmenhandlung des Romans spielt im Sommer 2018.

Der Autor fährt nach Verbier in die Schweizer Alpen um dort im noblen Hotel Palace eine Auszeit nach einer gescheiterten Beziehung zu nehmen und an seinem neuen Roman zu arbeiten.

Erst Anfang des  Jahres war sein langjähriger Freund und Verleger Bernard de Fallois im Alter von 91 Jahren gestorben. Ihm soll dieser in Entstehung befindliche Roman gewidmet sein.

Gerade erst im Hotel eingetroffen, lernt er die faszinierende Scarlet kennen, die im Zimmer nebenan wohnt. Dieses Zimmer, mit der Nummer 621a, birgt ein Geheimnis. Es war nämlich bis vor 15 Jahren noch das Zimmer 622 – bis sich dort ein Mord zugetragen hat, der niemals aufgeklärt wurde.

Scarlet überredet Joel, sich gemeinsam mit Ihr auf die Suche nach der Wahrheit zu machen, das Geheimnis um das Zimmer 622 endgültig zu lüften und einen Roman darüber zu schreiben.

Handlung dieses Romans spielt 15 Jahre zuvor und beginnt sieben Tage vor dem Mord in Zimmer 622.

Die Geschichte spielt  im Schweizer Finanzmilieu  doch es geht  weniger um Geld und Macht, als um Intrigen, Verrat und die ganz große Liebe.

Nachdem der Präsident eines traditionsreichen Genfer Bankhauses  verstorben ist, beginnt der Kampf um dessen Nachfolge. Der Tradition folgend, müsste eigentlich der Sohn des Verstorbenen den Posten erhalten, doch auf Grund eines Ereignisses, das viele Jahre zurück liegt und über dessen Hintergründe der Verursacher , nämlich besagter Sohn,  eisern schweigt, soll ein anderer die Präsidentschaft übernehmen. Doch dieser Kandidat, obwohl er offenkundig der talentiertere, beliebtere und erfolgreichere ist, zeigt überhaupt kein Interesse daran und möchte diese Ehre nur allzu gern dem verschmähten Sohn überlassen.

Die Familiengeschichte des Bankhauses spielt  eine wichtige Rolle in dem sich immer weiter steigernden Konstrukt aus Lügen und Geheimnissen, doch die eigentliche Ursache für das sich anbahnende Dilemma ist eine Liebesgeschichte, die viele Jahre zuvor begonnen hat und die sich um die Ehefrau des Bankiers-Sohns dreht.

Stück für Stück setzt der Autor ein Puzzle aus Lügen und Verstrickungen zusammen. Jedoch bleibt das ersehnte Gesamtbild dabei bis zum Schluss verhüllt. Der Focus der Geschichte liegt nicht allein auf dem Mord. Es handelt sich nicht um einen klassischen Kriminalfall, sondern eher um ein Beziehungsdrama  und ein Ränkespiel in höchsten Finanzkreisen.

Meinung

Zuerst: Man muss weder Investmentbanker noch Finanzberater sein, um diesen Roman lesen zu können. Das Banken- und Finanzmilieu ist nur eine Kulisse für die Handlung und trägt nicht allzu viel zum Inhalt bei.

Da dies der erste Roman des Autors ist, den ich gelesen habe, kann ich keine Vergleiche zu seinen bisherigen Werken ziehen, sondern betrachte ihn quasi aus der Sicht eines Neulings.

Die Geschichte setzt sich sowohl  damit auseinander, was passiert, wenn man sein Leben auf  einer Lüge und – daraus folgend – vielen weiteren aufbaut, als auch mit veralteten Rollenbildern, unerfüllbaren Erwartungen und damit verbundenen Zwängen.

Das Getrieben sein von der Vorstellung der einzigen und perfekten Liebe, die fatale Besessenheit von einer Person und das Streben nach einem bestimmten Status sind die treibenden Kräfte hinter dem sich entwickelnden Drama, welches jedoch keineswegs seinen Höhepunkt mit dem Mord in Zimmer 622 erreicht. Die eigentliche Überraschung ereilt die Leser erst später.

Der Roman lässt sich flüssig lesen, der Sprachstil ist angenehm schnörkellos und die Geschichte lässt schnell erahnen, dass der Inhalt höchst brisant zu werden verspricht. Geschickt werden aktuelle Ereignisse und Rückblicke in die Vergangenheit verschachtelt und die handelnden Charaktere skizziert. Man merkt schnell, dass hier ein Autor am Werk ist, der sein Handwerk versteht.

Insofern fällt es nicht schwer, in die Handlung einzutauchen und sich von der Geschichte fesseln zu lassen. Mit der Zeit wird immer deutlicher, dass  hinter allem, was aktuell passiert, ein ungeheuerliches Geheimnis zu stecken scheint. Manchmal wähnt man sich auf der  richtigen Spur, doch auch diese Ahnungen lässt der Autor immer wieder zerplatzen.

Der Roman hat mich wirklich begeistert und sehr gut unterhalten – bis auf den Schluss.

Ich meine damit nicht die Entlarvung des eigentlichen Mörders, sondern das Aufdecken des Spiels einer bestimmten Person. Genau dieses Spiel lässt im Nachhinein diesen wirklich guten und spannenden Roman sehr unglaubwürdig und über die Maßen konstruiert erscheinen. Leider!

Trotzdem hat mir das Buch einen sehr guten Eindruck von der Schreib- und Erzählweise des Autors vermittelt und mich keineswegs abgeschreckt. Für ich ist es der Autor auf jeden Fall wert, noch mindestens ein Buch von ihm zu lesen. Danach werde ich entscheiden, wie es mit ihm weitergeht.

 

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