GRAU – von Jasper Fforde

Um eine richterlich angeordnete Stuhlzählung als Bestrafung für einen Regelverstoß durchzuführen, begibt sich der 20jährige Eddie Russet mit seinem Vater auf die Reise von Jade-unter-der-Limone nach Ost-Karmin. Eddie und sein Vater sind Rote – heißt, ihre visuelle Wahrnehmung beschränkt sich ausschließlich auf den roten Bereich des Farbspektrums. Die Roten kommen in der Farb-Hierarchie, dem Colorismus, direkt nach den Grauen – sind also farblich recht niederwertig und müssen sich gegenüber höherwertigen, wie den Grünen oder Gelben in Demut üben.
Gut für Eddie, dass er nicht allein reisen muss. Sein Vater, der ein Mustermann ist, tritt eine Vertretungsstelle in Ost-Karmin an. Der dortige Mustermann ist in Urlaub oder Tod. Bei einem Zwischenstopp in Zinnober trifft Eddie auf die Graue Jane, sie bedroht ihn ohne Umschweife mit dem Tod aber er findet sie einfach faszinierend.
In Ost-Karmin angekommen, bekommen die beiden kaum Zeit, sich erst einmal einzugewöhnen. Die roten, gelben und purpurnen Präfekten geben sich nacheinander die Ehre in ihrem Haus, ein apokrypher Mann (jemand den es nicht gibt, weil es die Regeln so besagen und den man deshalb auch nicht sehen, ansprechen oder erwähnen darf) lebt in ihrem Haus und das ihnen zugeteilte Dienstmädchen ist eine enorm aggressive Graue – Jane!
Eddie, der eigentlich eher regelkonform, etwas naiv und zurückhaltend ist, kommt durch seine Neugier einem Geheimnis auf die Spur. Zunächst sind es seltsame Vorkommnisse aber er ahnt einen Zusammenhang. Glauben will ihm jedoch niemand, (nur Jane scheint mehr zu wissen) – im Gegenteil, durch seine Fragen gerät er in den Focus der Präfekten und wird am Ende hart bestraft. Seine einzige Chance die Strafe wieder auszugleichen und sich somit das Wohnrecht und das Recht auf Heirat zu erhalten, ist, eine Expedition nach Hoch-Safran anzuführen, um die dortigen Farbvorkommen zu erheben und auszukundschaften, ob die Stadt von Gesindel, Megafauna oder Mehltau befallen ist. Das Problem dabei: Noch nie ist jemand von einer Expedition nach Hoch-Safran zurückgekehrt.

Trotz des tristen Titels (der englische Originaltitel „Shades of Grey – The Road to High Saffron“ trifft es  viel besser) ist „Grau“ ein Feuerwerk an Farben. Die Idee, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der Farben das höchste Gut darstellen und das Farbensehen bzw. die Veranlagung dazu über allem stehen und die gesamte gesellschaftliche Struktur begründen, ist außergewöhnlich, absurd und hörte sich für mich sehr spannend an. Stagnation ist das Ziel, ein ereignisloses Leben erstrebenswert, Fortschritt wird regelmäßig durch sogenannte Rücksprünge und die Entfaktung verhindert, Regeln werden nicht in Frage gestellt, Dinge die es nicht geben darf, werden ignoriert und deshalb gibt es sie auch nicht. Fforde bedient sich aus der Palette der Methoden totalitärer Systeme und kombiniert diese mit einem hierarchisch geordneten Farb-Kasten-System (siehe das religiöse Kastensystem in Indien). Mit viel Fantasie und Witz entstand daraus eine ungewöhnliche und unvorhersehbare Geschichte.
Das Buch selbst ist nur für den Leser spannend der versucht, zu verstehen, was eigentlich vor geht und wie diese Gesellschaft funktioniert. Es werden keine Erklärungen auf der Tablett serviert, man muss beim Lesen gut aufpassen und die Fakten selbst zu einem Gesamtbild zusammenfügen.
Diesen Band liest man am besten mit dem Wissen, dass es sich um den ersten einer ganzen Reihe handelt. Dann kann man auch gut damit umgehen, nicht zu wissen, was „das große Ereignis“ war oder wer eigentlich der „große Munsell“ ist.

Fazit: Kein Buch, das man mal „so nebenbei“ lesen kann. Schräge Sachen sollte man schon mögen (Aldous Huxley’s Brave New World ist ein guter Indikator ;-)). Aber wenn man sich die Zeit nimmt und in die Geschichte eintaucht, wird man es lieben. Ich tue es jedenfalls und bin gespannt auf die Fortsetzung.

Wertung 9 von 10 Punkten

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