DIE NICHT STERBEN – Dana Grigorcea / Rezension

Die Autorin

1979 in Bukarest, Rumänien geboren und lebt und arbeitet in der Schweiz. Sie hat Germanistik und Niederlandistik, Theater und Filmregie studiert, war Auslandskorrespondentin für das rumänische Fernsehen und arbeitete  unter anderem für den Fernsehsender ARTE.  Außerdem war sie Dozentin an der Züricher Kunsthochschule
 
Die Autorin wurde bisher vom deutschsprachigen Feuilleton hoch gelobt und mit  mehreren eindrucksvollen Preisen ausgezeichnet- unter anderem dem Ingeborg Bachmann Preis
Sie schrieb bisher 4 Romane und Novellen außerdem jede Menge Essays und Kolumnen und veröffentlichte fünf Bilderbücher für Kinder
 

Inhalt

Die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, erinnert sich an ihre unbeschwerte Kindheit in einem rumänischen Dorf, das sie nur als B. bezeichnet. Eine ländliche Idylle an der Grenze zu Transsilvanien, Abenteuer in der unberührten Natur der Karpaten, Freundschaften und erste Liebe.
Als Teil einer privilegierten Familie aus Bukarest, sind die Ferien in B. für sie trotz der noch nicht lange zurückliegenden Diktatur des Nikolae Ceaucescu und des darauffolgenden gesellschaftlichen Umbruchs, gekennzeichnet durch Frieden, Freiheit, Kultur und Genuss. Als Kind nahm sie nicht wahr, was wirklich um sie herum passierte, welche Sorgen ihre damaligen Freunde und deren Eltern hatten, wie schwer deren Leben eigentlich war.
 
Einige Jahre hatte sie B. nicht besucht, denn sie war für ihr Kunst-Studium nach Paris gegangen. Nach ihrem Masterabschluss kehrt sie nun zurück in die vermeintliche Idylle. Was sie vorfindet ist zum einen die vertraute, gediegene Villa Auroa, ihre geliebte Tante Margot und die üblichen Gäste aus der Hauptstadt, die für intelektuelle Unterhaltung und Kultur sorgen.
Doch alles andere drumherum, das Dorf und die Menschen haben sich verändert.
Wie sehr – das bemerkt sie erst wirklich, nachdem ein Toter gefunden wird, in der Gruft ihrer eigenen Familie auf dem Friedhof von B. Seine Verletzungen sind von einer Art, die nicht nur dem rumänischen Volk seit Jahrhunderten bekannt ist, sondern der ganzen Welt durch die Überlieferungen des Fürsten Vlad Dracula.
 
Das Öffnen der Familiengruft und der grausige Fund setzen eine Kette von Ereignissen und Veränderungen in Gang. Ereignisse, die die Gesinnung von Menschen und deren Abgründe ans Licht bringen und Veränderungen, die weit über das menschliche hinaus gehen. Einige diese Veränderungen betreffen die Ich-Erzählerin selbst und genau diese sind es, die dem Roman seinen fantastischen Anstrich verleihen.
 
Sie erzählt uns von Vlad, dem großen Fürsten der Walachei, der auch als Dracula bekannt wurde. Doch was sie erzählt ist weit entfernt von dem, was der Rest der Welt durch Autoren wie Bram Stoker zu wissen glaubt. Man lernt diesen außergewöhnlichen Mann kennen, als würde eine Geliebte über ihn berichten oder eine Schwester. Und nicht nur das. Im Laufe der Geschichte beginnt man, ihn zu bewundern und zugleich zu fürchten.
Vlad war ein Pfähler, ein grausamer Diktator, das ist unbestritten. Doch er war es auch, der das Land geeint hat, der gegen Kriminalität und Korruption kämpfte und seinem Volk zu Wohlstand und Ansehen verhalf. Genau deshalb wird er auch immer noch zutiefst verehrt in Rumänien.
 
Beide Seiten spielen eine Rolle bei dem, was in B. und mit der Erzählerin passiert.
 

Meinung

Dana Grigorcea hat einen wirklich magischen Roman geschrieben. Magisch nicht wegen des fantastischen Anteils sondern deswegen, weil es ein gesellschaftspolitischer Roman ist, der zudem in einem über die Maßen blumigen, poetischen und elitären Sprachstil geschrieben ist, sodass er mich eigentlich hätte nerven und langweilen müssen. Ich mag weder Gesellschafts- oder Politische Romane noch den erwähnten Sprachstil.
Es trägt nicht unbedingt zum Lesevergnügen bei, wenn man für die Lektüre immer ein Lateinwörterbuch und diverse Kunst-Lexika zur Hand haben muss.
 
Doch, ich war fasziniert. Zum einen waren es die Beschreibungen der Gegend, des dörflichen Lebens und der Menschen. Aber auch das privilegierte Leben der Protagonistin und ihre teils naive Sicht auf die Dinge um sie herum haben einen großen Reiz auf mich ausgeübt.
Doch am meisten beeindruckt hat mich das Leben des Fürsten Vlad und wie es in diesem Fall erzählt wurde. In diesen Textpassagen hat die Autorin auf die extravagante Sprache verzichtet und so eindrücklich und feinfühlig berichtet, dass man den Fürsten fast körperlich spüren konnte. So ging es wohl auch der Erzählerin, denn mit der Zeit nähern sie und Dracula nicht nur im Geiste an. Verschmelzen sie, werden sie eins? Hier bleibt der Roman rätselhaft bis zum Schluss.
 
Letztenendes entwickelt sich die Geschichte zu einer Art Parabel, die den Zustand der rumänischen Gesellschaft in verschiedenen Epochen widerspiegelt. In beiden Epochen sehnt sich die Gesellschaft nach einem Anführer, der mit aller Härte gegen das Unrecht kämpft. Doch ist man auch bereit, die Konsequenzen zu tragen, die eine solche Herrschaft mit sich bringen würde?
 

Fazit

Die nicht sterben – ist ein außergewöhnlicher Roman, der Gesellschaft, Politik und Fantastik miteinander verbindet. Die Geschichte ist fesselnd aber auch anspruchsvoll weil sie vom Leser viel Wissen und Aufmerksamkeit fordert. Die Feinheiten in der Erzählung erschließen sich nicht direkt, sondern manchmal erst beim zweiten Lesen oder nach einer Nacht voller seltsamer Träume.
 
Empfehlen kann ich den Roman allen die neugierig sind und sich gerne mal auf neue Wege und in neue Genres trauen. Bereuen werden sie es ganz sicher nicht.

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