DIE BERECHNUNG DER STERNE / Mary Robinette Kowal / Rezension

Erstmals in englischer Sprache unter dem Titel „The Calculating Stars“ erschienen in 2018 bei TOR Books, Teil 1 der „Lady Astronaut“-Serie .  
Zwei weitere Teile sind bereits in den USA erschienen (2018 und 2020), ein vierter Teil ist für 2022 angekündigt.
 
 
„Science Fiction, …,  (ist)eine Form der Fiktion, die sich hauptsächlich mit den Auswirkungen der tatsächlichen oder erdachten Wissenschaft auf die Gesellschaft oder den Einzelnen beschäftigt.“
(Definition aus der Enzyclopedia Britannica)
 
Warum erwähne ich das an dieser Stelle? Nun – das Buch polarisiert offenbar.
Schaut man sich ein bisschen in der deutsch-  und englischsprachigen Online-Rezensionswelt um fällt auf, dass sich zum einen Sci-Fi-Fans enttäuscht darüber äußern, dass es sich nicht um richtige Sciencefiction handelt als auch oft Männer, die sich auf den Schlips getreten fühlen, weil die Diskriminierung von Frauen das Hauptthema zu sein scheint.
 
Ich würde das Werk auch nicht direkt als Sci-Fi beschreiben, obwohl die vorgenannte Definition durchaus passt, sondern überhaupt nicht auf ein Genre festlegen.
Der Roman enthält Elemente aus der Science Fiction, weil er sich mit, für die Zeit in der er spielt,  durchaus neuen und revolutionären Technologien und Plänen beschäftigt – die sich auch erheblich auf die Gesellschaft auswirken werden bzw. müssen.
Andererseits stellt er eine alternative Version der Vergangenheit dar – eine Art „Was wäre wenn…“-Utopie… oder doch eher Dystopie?
Und dann ist da noch das Thema Diskriminierung – was in diesem Fall nicht nur Frauen, sondern auch  ethnische und religiöse Gruppen betrifft. Also ein Gesellschaftsroman?
Man könnte ihn sogar als historischen Roman beschreiben, weil er ja vor 70 Jahren spielt. Verrückt!
 
Ganz ehrlich – es ist doch völlig egal, welchem Genre man den Roman zuordnet oder auch nicht. Ich würde sagen, er ist genau aus diesem Grund für viele Menschen lesenswert, weil jeder sich oder seine literarischen Vorlieben darin wiederfinden kann. Auch Männer!
 
Zum Buch
 
Frühjahr 1952, das Wissenschaflter-Ehepaar Elma und Nathaniel York befindet sich (zu ihrem Glück) gerade auf Kurzurlaub in den Bergen als an der Ostküste der USA ein Meteorit einschlägt und alles über hunderte Kilometer ins Landesinnere hinein zerstört – inklusive der Hauptstadt und fast der gesamten amerikanischen Regierung.
Während ihr Mann in den Krisenstab der provisorischen neuen Regierung berufen wird, stellt Elma ein paar Berechnungen zu den Auswirkungen des Einschlags an und findet heraus, dass die Erde in ungefähr 50 Jahren unbewohnbar sein wird. Die Unmengen des durch den Einschlag in die Atmosphäre gelangten Wasserdampfes werden zu einem Klimawandel führen und der zu Temperaturen, die kein Mensch oder Tier überleben kann.
Dass diese dramatische Erkenntnis nicht von ihr selbst, sondern von ihrem Mann der neuen Regierung präsentiert werden muss, ist längst nicht die erste Begebenheit, die die Stellung einer Frau in der damaligen Gesellschaft verdeutlicht.
 
Elma ist nicht nur Wissenschaftlerin, sie war, wie viele andere Frauen auch, Pilotin im zweiten Weltkrieg. Doch als es darum geht, Überlebende aus den zerstörten Gebieten zu evakuieren, werden sie und ihre Kolleginnen einfach ignoriert. Viel zu gefährlich für Frauen! Dass Elma während des Krieges erfolgreich aus Kampfhandlungen hervorging und selbst unter schwierigsten Bedingungen ein Flugzeug unter Kontrolle halten kann, spielt plötzlich keine Rolle mehr.
 
Da Elma und ihr Mann kein Zuhause mehr haben, leben sie vorübergehend bei der Familie eines Militär-Angehörigen – ebenfalls ein Pilot und zudem schwarz. Erst dort wird den beiden klar, wie die Situation der farbigen Bevölkerung im Angesicht der Katastrophe ist – nämlich noch viel schlimmer als ihre eigene. Weißen Frauen mag die Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu verstehen oder extreme Situationen auszuhalten abgesprochen werden, doch Farbige – egal ob männlich oder weiblich – haben offenbar noch nicht einmal ein Recht evakuiert zu werden und zu überleben.
 
Auch im weiteren Verlauf der Geschichte wird Elma und Nathaniel immer bewusster, wie tief Diskriminierung jeglicher Art in ihrer Gesellschaft verwurzelt ist, wieviele Menschen und wieviele Bereiche des  Lebens sie betrifft. 
 
Besonders dramatisch wird das, wenn es um das Schicksal der ganzen Welt geht. Die Menschheit muss einen Weg finden, die Erde zu verlassen und ein neues Zuhause im Weltraum zu finden und das innerhalb kürzester Zeit. Und doch werden bestimmte Gruppen von den Bemühungen um schnelle wissenschaftliche und technische Fortschritte ausgeschlossen.
Sehr kluge Frauen sorgen hinter den Kulissen dafür, dass sämtliche Berechnungen für das Raumfahrtprogramm korrekt ausgeführt werden. Elma ist eine davon. Den ersten Computern, die es zu der damaligen Zeit gab, vertraut man noch nicht – also überprüfen die Frauen auch deren Berechnungen, denn jeder noch so kleine Fehler kann für die zukünftigen Astronauten tödlich enden.
Doch dass Frauen selbst zu Akteuren im Weltraum werden, ist für die meisten der Verantwortlichen innerhalb der Raumfahrtbehörde und der Regierung absolut ausgeschlossen. Doch es gibt auch Menschen, die das anders sehen. Dazu gehören neben Elmas Mann und einigen anderen Kollegen auch Teile der Gesellschaft, Medienvertreter und sogar Politiker.
 
Elma wird eher unabsichtlich zur Gallionsfigur eines großen, unterschätzen und nicht wahrgenommenen Teils der Bevölkerung  – eines Teils der für das Schicksal der Menschheit überlebenswichtig ist. 
Von ihrem Kampf, ihren Gegnern und ihren Unterstützern erzählt dieser Roman.
 
Meine Meinung
 
Das Buch hat mich begeistert, weil es eine so komplexe und tiefsinnige Geschichte erzählt.
Weil es geschichtliche Ereignisse und gesellschaftliche Verhältnisse pragmatisch darstellt und erklärt.
Weil es neben vielen spannenden wissenschaftlichen Fakten und Hintergründen auch persönliche Schicksale und Emotionen behandelt und
weil es die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Dingen thematisiert, die in der Vergangenheit  nun mal schief gelaufen sind und sich bis heute auswirken.
 
Ich finde nicht, dass die Autorin „Männer-Bashing“ betreibt und alle Männer als frauenfeindlich oder diskriminierend darstellt. Sie zeigt die damalige Gesellschaft einfach so wie sie eben war. Es gab sie tatsächlich die weißen, alten und jungen Herren, für die eine patriarchalische Welt die einzig mögliche und richtige war. Doch es gab auch viele, die das anders sahen und ihr Leben anders lebten. Für diesen Teil der Gesellschaft stehen Elma und Nathaniel York und alle anderen, die ihnen im Laufe der Geschichte folgen werden.
 
Diese Entwicklung mitzuerleben, die durch die Hauptprotagonistin eigentlich nie aktiv forciert, sondern eher durch die sie umgebenden Menschen vorangetrieben wird, macht diesen Roman zu einem bemerkenswerten Stück Literatur, dass auf Grund des über allem stehenden Weltuntergangs-Szenarios auch noch sehr spannend ist.
 

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