DER DUNKLE WALD – Trisolaris 2 – Cixin Liu – Rezension

Die Flotte der Trisolarier ist auf dem Weg zur Erde. In ca. 450 Jahren werden sie eintreffen und sie sind fest entschlossen, die Menschheit zu vernichten. Sie wollen nicht einmal zulassen, dass es einigen Menschen gelingen könnte, vorher von der Erde zu fliehen. Nein – sie wollen uns komplett auslöschen und das aus gutem Grund – Sie haben Angst vor uns.

Seit Jahren verhindern die von den Trisolarier zur Erde gesandten Supercomputer, sogenannte Sophonen, die nicht größer sind als ein Proton, dass die wissenschaftliche Grundlagenforschung sich weiterentwickelt. Es ist zum Beispiel nicht möglich, neue Erkenntnisse im Bereich der Quantenphysik zu erlangen und somit die vorhandene Technik wesentlich weiterzuentwickeln.

Hinzu kommt noch, dass die Sophonen alles überwachen, was auf der Erde gesprochen oder in irgend einer Weise aufgezeichnet wird. Es ist nicht möglich, Pläne zur Abwehr der Trisolarier zu entwickeln, ohne das diese über jedes Detail informiert werden. In Form der Terrororganisation ETO (der Erde-Trisolaris-Organisation) haben die Invasoren sogar menschliche Handlanger zur Verfügung, die für Sie Attentate und Anschläge verüben.

Die vereinten Nationen sehen sich einer quasi unlösbaren Aufgabe gegenüber und greifen nach dem letzten Strohhalm. Sie legen das Schicksal der Menschheit in die Hände von vier Personen, die mit jeglichen Mitteln und jedweder Macht ausgestattet werden, die sie wollen – denn sie sollen die Strategien zur Verteidigung der Menschheit entwickeln, ganz ohne jemals darüber zu reden oder gar etwas aufzuzeichnen.

Wozu diese Entscheidung führt, das Fortbestehen der Menschheit von den Fähigkeiten und der Motivation einiger weniger, völlig uneingeschränkt agierender Personen abhängig zu machen, ist eines der Motive dieses Romas.

Sämtliche Entwicklungen politischer, wirtschaftlicher, soziologischer und auch psychologischer Natur werden vom Autor detailliert und nachvollziehbar dargestellt. Je nachdem ob man als Leser der menschlichen Natur gegenüber eher positiv oder negativ eingestellt ist, endet die Geschichte um die sogenannten Wandschauer für einige durchaus nicht überraschend.

Einer von diesen ausgewählten Personen, die man Wandschauer nennt, ist der chinesische Astronom und Soziologe Luo Ji. Seine wissenschaftliche Arbeit war bis dato wenig beachtet und er selbst war auch nicht gerade mit viel Leidenschaft dabei. Doch aus irgendeinem Grund, hat die UNO ihn zu einem Wandschauer gemacht und erwartet nun, dass er die Menschheit rettet.

Das tut er nicht und trotzdem ist er derjenige Wandschauer, der die über den Zeitraum von mehr als zweihundert Jahren erzählte Geschichte bis zum Ende überdauert. Zur Erklärung noch soviel – der Kälteschlaf ist eine bereits vorhandene technische Möglichkeit, eine solche Zeitspanne zu überleben. Aber die steht allen Wandschauern zur Verfügung.

Im Laufe dieser zweihundert Jahre geschehen in der Welt Dinge, die wir als zivilisierte Menschen eigentlich nicht mehr für möglich halten würden.

Doch wenn man die globalen Entwicklungen in der heutigen Zeit, im Angesicht einer weltweiten Pandemie und auch der Klimakrise mal genauer betrachtet, dann kann man sich sogar vorstellen, was passiert, wenn die Menschen erfahren, dass das Leben auf unserem Planeten in 450 Jahren nicht mehr existieren wird.

Die Menschheit muss also erstmal den Kampf mit sich selbst gewinnen, bevor sie sich dem Feind aus dem Weltall stellen kann. Doch die Geschichte hält gleich mehrere wirklich unerwartete und spannende Wendungen bereit. Die Entwicklung, die Cixin Liu die Menschheit im Laufe von zweihundert Jahren durchmachen lässt, ist atemberaubend und macht fassungslos und allein das würde bereits ein grandioses Ende für diesen Romans abgeben. 

Doch einige Menschen aus unserer Zeit, die aus dem Kälteschlaf erweckt wurden, unter ihnen auch der Wandschauer Luo Ji, lassen sich nicht blenden. Sie erkennen die schockierende Wahrheit – nämlich das nichts, wirklich gar nichts, die Menschheit vor der totalen Vernichtung retten kann.

Meinung

Keine Sorge, dieser letzte Satz war kein Spoiler. Auch hier hält der Autor noch eine kleine Überraschung für seine Leser bereit.

Gleich vorweg, mich hat dieser zweite Teil der Trisolaris-Reihe völlig sprachlos zurückgelassen. Ich musste erstmal eine Nacht darüber schlafen, bevor ich dazu etwas sagen bzw. das Buch rezensieren konnte.

Wie auch bereits im ersten Teil spielt sich so gut wie alles auf der Erde ab. Die Geschehnisse im Angesicht der bevorstehenden, alles vernichtenden Invasion werden aus sämtlichen Perspektiven beleuchtet. Die politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Entwicklungen, die hier aufgezeigt wurden, waren erschreckend aber auch nachvollziehbar.

Die Herkunft des Autors ist jedoch allzeit sehr präsent. Der chinesische Einfluss ist nicht nur überall spürbar, sondern wirkt aus europäischer Sicht sogar manchmal ein wenig übertrieben.
Aus Sicht eines ehemaligen US Präsidenten könnte genau das wiederum durchaus realistisch sein.

Trotzdem finde ich gerade diese ungewohnte Perspektive sehr spannend.

Auch die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen, die in dem Roman beschrieben werden, sind für Laien durchaus verständlich und nachvollziehbar. Letzteres hängt allerdings davon ab, ob und wieviel man sich bereits mit Kernfusion, Luft- und Raumfahrttechnik oder allgemeiner Physik beschäftigt hat.
Inwiefern die technischen und wissenschaftlichen Details der Realität entsprechen bzw. ob sie wirklich realisierbar wären, kann man als Laie natürlich nicht beurteilen. Aber in einem fiktionalen Roman kommt es auch eher darauf an, diese Dinge so zu vermitteln, dass sie glaubhaft erscheinen und das ist dem Autor auf jeden Fall gelungen.

Mich haben in der ersten Hälfte der Geschichte ein paar, aus meiner Sicht unnötige Längen gestört. Sie dienten hauptsächlich der Charakterisierung von Luo Ji, waren aber für die Geschichte selbst nicht bzw. nur wenig relevant. Hier habe ich auch mal ein paar Seiten quergelesen, was dem Verständnis der Geschichte jedoch nicht geschadet hat. Das ist aber schon auch mein einziger Kritikpunkt.

Ich hatte während des Lesens noch einen anderen im Sinn, welcher aber gegen Ende der Geschichte ausgeräumt wurde. Das betraf die Einordnung des totalitären politischen Systems in China bzw. die Meinung des Autors dazu.

Natürlich muss ein Autor in einem fiktionalen Werk keine Stellung zur Politik in seinem Heimatland beziehen. Doch wenn er seinem Heimatland eine derart wichtige und einflussreiche Rolle in der Zukunft einräumt, hätte ich es gut gefunden zu wissen, wie der Autor darüber denkt.

In einer der Schlüsselszenen gegen Ende der Geschichte kam dann die Aussage, auf die ich gewartet hatte:

„Die Gesichte des Mittelalters und des Tiefen Tals lehren uns, dass ein totalitäres System das größte Hindernis für menschlichen Fortschritt darstellt.“

(Der dunkle Wald, Seite 680)

Fazit: Der Autor hält der Menschheit gnadenlos den Spiegel vors Gesicht. Er beschreibt eindrucksvoll, sachlich und völlig unverblümt, wie die Menschen sich im Angesicht ihres nahenden Endes verhallten werden – auch wenn oder gerade weil es erst in einem halben Jahrtausend stattfinden wird.

Die Trisolaris-Reihe von Cixin Liu sollte Pflichtlektüre für jedes Staatsoberhaupt sein und ich empfehle sie darüber hinaus auch allen anderen, egal ob Science Fiction-Fan oder nicht. Diese Geschichte ist viel zu nah an der Wirklichkeit, um noch als Science Fiction bezeichnet zu werden.

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