DER BÄR UND DIE NACHTIGALL / Katherine Arden / Rezension

Die Geschichte
 
In dem Roman geht es um die übersinnlich begabte Wasja,. Sie ist die Tochter eines Bojaren, einer Art Landadeligen im mittelalterlichen Rußland. Wasja, die eigentlich Wasilisa heißt, ist das fünfte Kind ihrer Eltern. 
Die Geschichte beginnt  bereits vor ihrer Geburt und erzählt von der Herkunft ihrer Mutter – einer echten Prinzessin aus Moskau und ihrer Großmutter, einer Hexe.
Von ihr erbt das Mädchen offenbar ihre spezielle Begabung. Sie kann die Hausgeister und andere Wesen aus der russischen Mythologie sehen und mit ihnen kommunizieren. Das alles ist eine zeitlang kein Problem. Von ihrem Vater, ihren Geschwistern und dem Kindermädchen Dunja werden ihre kleinen „Macken“ akzeptiert. Von allen anderen wird sie höchstens als ein wenig seltsam wahrgenommen.
Mit dem Einzug ihrer Stiefmutter, ebenfalls einer Adeligen aus Moskau und der Ankunft eines orthodoxen Priesters im Dorf, wird sich das jedoch radikal ändern.
 
Zu Anfang liest sich die Geschichte wie ein historischer Roman. Die Autorin beschreibt das alltägliche und sehr harte Leben im mittelalterlichen, ländlichen Russland. Selbst ein reicher Bojar wie Wasjas Vater muss auf den Feldern arbeiten und sich um Haus, Hof und das Vieh kümmern. Die Winter sind unglaublich hart und bedeuten fast immer Krankheit und Hunger und in den kurzen Sommern pflegt man Beziehungen, bestellt die Felder und bereitet sich auf den nächsten Winter vor.
In dieser Welt haben Frauen kaum Rechte. Sie sind völlig abhängig von männlichen Familienmitgliedern und haben eine ihnen vorbestimmte Rolle auszufüllen: Frau und Mutter sein, sich um Heim und Herd kümmern.
 
Das junge Mädchen Wasja fällt hier  nicht nur durch ihre besondere Begabung auf, sondern auch durch ein Verhalten, das in keiner Weise dem damaligen Frauenbild entspricht. Sie verschwindet oft stundenlang im Wald, entzieht sich der Aufsicht durch ihre Brüder, kann reiten wie ein Mann und hat nicht die geringste Lust zu heiraten.
Als der orthodoxe Priester die Dorfbewohner zum Christentum bekehrt und sich die Menschen von dem Glauben an die alten Geister abwenden, kommt es zur Katastrophe. Nur Wasja sieht, was passiert, wird gewarnt von den Geistern und sogar von Dämonen. Sie tut alles, um ihr Dorf zu schützen doch diese Versuche werden ihr als Hexerei zur Last gelegt.
 
Im Laufe der Geschichte wird immer klarer, dass Wasja eine bestimmte Aufgabe zugedacht ist. Welche das genau ist, erfährt man jedoch bis zum Ende der Geschichte nicht bzw. nur teilweise. Sie hat etwas mit dem Frostdämon Morosko zu tun von dem ihr schon das Kindermädchen Dunja in der frühesten Kindheit erzählt hat und dem sie in irgendeiner Weise verbunden zu sein scheint.  Den Rest des Geheimnisses hebt sich die Autorin jedoch offenbar für die nächsten Bände auf.
 
Meinung
 
Der Bär und die Nachtigall ist ein historischer Fantasy-Roman, der im mittelalterlichen Rußland spielt und dessen Handlungselemente der russischen Mythologie und Folklore entlehnt sind. Die Struktur des Romans ist nicht sehr komplex. Neben dem Haupt-Handlungsstrang werden einige mythologische Hintergründe in Form von Märchen bzw. Überlieferungen erzählt. Außerdem gibt es ein paar kurze Rückblicke in die Vergangenheit einiger Figuren. Trotz dieser geringen Komplexität gelingt es der Autorin, eine Vielzahl interessanter Figuren einzuführen und sich entwickeln zu lassen. Wasjas Vater beeindruckt hier besonders, denn er ist einerseits sehr traditions- und standesbewusst, trotzdem lässt er seine  aus der Art geschlagene Tochter gewähren, schützt sie so gut er kann und ist sogar stolz auf sie.
Auch Wasjas Brüder und Schwestern, das Kindermädchen Dunja, die Stiefmutter und der Priester sind jeder für sich spannende Charaktere, die so ziemlich alle Facetten der menschlichen und unmenschlichen Natur repräsentieren. Nicht zu vergessen, die Geister und Dämonen. Ihnen wird in der Geschichte eine tragende aber trotzdem keine vordergründige Rolle eingeräumt. Sie bleiben im Hintergrund und ihr Einfluss auf die Welt wird durch die Hauptfigur Wasja übermittelt. Am Ende jedoch, zum großen Showdown treten sie alle auf eine besondere Weise in Erscheinung.
 
Katherine Arden hat mit ihrem Roman ein düsteres und aufwühlendes Märchen für Erwachsene geschaffen. Sie lässt ihre Leser die erbarmungslose Kälte den eisigen Wind und die Düsternis der fernen russischen Wälder spüren aber auch die Liebe und den Zusammenhalt innerhalb einer Familie der längst nicht nur menschliche Wesen angehören.

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