CIXIN LIU / Jenseits der Zeit / Rezension

Henye Verlag, dt. Ausgabe von 2019

In diesem dritten und letzten Teil der Reihe von Liu Cixin geht es für die Menschheit um das Überleben oder die endgültige Auslöschung.

Denn zu der bevorstehenden Invasion durch die Trisolarier kommt noch eine weitere Bedrohung hinzu – eine gegen die die Invasion durch eine fremde Spezies eher wie eine Belästigung durch ein paar Wespen am nachmittäglichen Kaffeetisch wirkt.

Man begleitet in diesem Band eine junge chinesische Wissenschaftlerin, die parallel zu den Ereignissen um die Wandschauer in Band 2 lebt und arbeitet. Wer nicht weiß, was die Wandschauer sind, sollte an dieser Stelle besser nicht weiterschauen, denn in diesem Fall kennt Ihr Band 2  noch nicht und würdet diese Rezension wahrscheinlich nicht nachvollziehen können oder eventuell sogar gespoilert werden.

Chen Xin heißt die junge Astrophysikerin, die unabhängig von der  Operation Wandschauer an einer anderen Lösung für das Problem mit Trisolaris forscht. Sie hat ein paar bemerkenswerte Ideen, welche die Aufmerksamkeit der UNO erregen und gelangt so in den Fokus der Entscheidungsträger der Welt.

Eine ihrer genialen Ideen, gepaart mit der Skrupellosigkeit ihres Vorgesetzten, führt dazu, dass ein unschuldiger Mensch geopfert wird, um einen speziellen Kontakt zu den Trilsolariern aufzubauen. Was zu Anfang wie ein gescheiterter Versuch aussieht, erweist sich für den späteren Verlauf und das Ende der Geschichte jedoch als absolut essenziell.

Doch dies ist nur eine von vielen Entscheidungen der Protagonistin, die scheinbar zu dem führen, was mit der Menschheit passieren wird. 

Ihr wird im Laufe der Ereignisse eine Verantwortung übertragen, der ein einzelner Mensch unmöglich gerecht werden kann. Für Menschheit selbst bzw. deren Entscheidungsträger ist dies jedoch eine bequeme Lösung. Es gibt immer eine Person, die man für einen Erfolg feiern und für einen Fehlschlag bestrafen kann.

 

Vom Beginn bis zum Ende des Buches durchlebt die Menschheit viele Zeitalter unter anderem eines in welchem die Invasionsstrategie der Außerirdischen doch sehr an Ereignisse aus der Menschheitsgeschichte, wie die Kolonialisierung Amerikas oder Australiens erinnert.

Einige dieser Zeitalter sind geprägt von Hoffnung, andere von Egoismus und Gleichgültigkeit. Es gibt Zeitalter, in denen Verzweiflung und Resignation vorherrschen und wieder andere, die sich durch Fortschritt und Tatendrang auszeichnen.

 

Der Band heißt jedoch nicht deshalb Jenseits der Zeit, weil Chen Xin selbst all diese Zeitalter miterlebt – was sie durchaus tut. Der Titel bezieht sich auf das DANACH, denn am Ende, wenn die Menschheit ihr Schicksal ereilt hat, werden die eigentlichen Hintergründe offenbart, gegenüber denen die sogenannte Trisolaris-Krise nur ein mildes Kopfschütteln wert ist.

Liu Cixin zeigt in seinem Roman nicht nur auf, welche Höhen und Tiefen die Menschheit im Angesicht der drohenden Auslöschung durchläuft, sondern stellt essenziell wichtige Fragen zur Menschlichkeit selbst.

Was macht den Menschen aus? Ist Menschlichkeit überhaupt etwas Besonderes? Ist es so wichtig, wie wir glauben?

Oder sind wir einfach nur überheblich in dem Denken, menschlich zu sein – im physikalischen wie im moralischen Sinne – sei das höchste, erstrebenswerte Ziel und sollte die Basis all unserer Entscheidungen sein?

Die Menschen glauben schnell, sie wären etwas Besonderes, die Krönung der Evolution Doch selbst wenn man sie nur in ihrem Lebensraum, einem winzigen Planeten in einem unbedeutenden Sonnensystem, betrachtet, ist das bereits eine Anmaßung.

Wenn wir nicht mal das Leben auf unserem eigenen Planeten komplett verstehen, wenn wir uns untereinander schon nicht verstehen, wie sollen wir dann unsere Errungenschaften, Erkenntnisse und Werte im Vergleich mit dem beurteilen, was im Universum auf uns wartet?

In Jenseits der Zeit und seinen Vorgängerbänden tappt die Menschheit immer wieder aufs Neue in diese Überheblichkeitsfalle und bewirkt damit nur ein stetiges Taumeln von einer Katastrophe in die nächste – alles in der Annahme oder auch Hoffnung, das Schlimmste irgendwie verhindern zu können.

Dieser dritte Band ist – noch mehr als seine Vorgänger –  sehr philosophisch. Der Autor hat sich ein mögliches Szenario für das Universum und den diesem zugrunde liegenden natürlichen oder unnatürlichen Gesetzmäßigkeiten überlegt, welches mich zutiefst erschüttert hat.

Es gab einen Zeitpunkt während der Lektüre, von dem an mir die mögliche Auslöschung der Menschheit überhaupt nicht mehr schlimm vorkam. In Anbetracht dessen, was ich gerade erfuhr, fand ich es sogar lächerlich, mir überhaupt darüber Gedanken zu machen.

Wenn ich etwas aus der Trisolaris-Reihe für mich gelernt habe, dann das:

Dem Universum ist es völlig egal, ob wir Menschen, Trisolarier oder Marsianer sind, ob wir uns fortpflanzen, uns weiterentwickeln und welche Ideale wir haben. Wir sind nur ein Staubkorn, dass in einem Sandsturm vorbei weht. Und – es gibt da draußen immer jemanden, der einen ziemlich großen Staubsauger hat und ab und zu mal gründlich durchsaugt.

Fazit: Dieser letzte Teil der Reihe und die Reihe insgesamt haben mich wirklich begeistern können. Sie haben mir eine ganz neue Gedankenwelt erschlossen, eine neue Sicht auf die Menschheit, auf das was wir vielleicht sind und was aus uns werden könnte.

Es lohnt sich wirklich, in diese Zukunftsvision des Autors einzutauchen und ein mögliches Schicksal der Menschheit mitzuerleben.

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